Zwei Wege der Beate Schmitt
von Rainer Reusch
(Philosoph und Künstler)   

Beate Schmitt beschreitet mit ihrer Malerei zwei Wege. Da gibt es die Hinterglasmalerei, mit den Bildern aus dem Leben der modernen Frau in der Großstadt Berlin. Außerdem sehen wir freie expressive Malerei mit figürlichen Darstellungen. Diese meist großen Formate mit sich umarmenden, umschlingenden menschlichen Akten, oft androgyn, nie sexuell eindeutig, mehr gefühlt, angedeutet, sind in ihrer Sinnlichkeit sehr privat aber frei.
Auf diesen Gemälden ist die Frau alleine, in Zweisamkeit, mal angelehnt, mal umschlungen, mal beim Tanz, mal im Gemenge, mal in Ruhe oder beim Träumen. Doch dreht sich fast alles um sie.

Dieses Thema erhält Unterstützung durch die freie und lockere Malweise. Gemalt wurde auf Papier, welches auf Leinwand oder Hartfaser aufgezogen ist. Hierdurch faltet sich dieses Papier, es entwickelt Verästelungen, hervorgehobene Stellen und verleiht dem Bild eine dritte Dimension. Solch schrundige Stellen lösen Form und Kontur der Körper teilweise auf, so dass das Körperliche manchmal in seine Umgebung zerfließt. Diese ›gefühlte Malerei‹ gerät nie spekulativ, kommt aus dem Unmittelbaren, Unüberlegten und mutet daher manchmal auch etwas naiv an. Solche Werke erinnern etwa an den späten Baselitz, wenn er eine schlichte klare Unverbildetheit und damit die Wahrheit in der Malerei sucht.

Der andere Weg, die Hinterglasmalerei, hat mit den eben geschilderten Bildern die Acrylfarbe und die Vereinfachung wie Konzentration der menschlichen Figur gemeinsam. Die Hinterglasbilder entspringen auch derselben privaten Erlebniswelt der Beate Schmitt, und sind dennoch anders.

Zunächst bringt die Künstlerin die Bildidee zu Papier. Es sind meist Spots aus ihrem Stadtleben. Dann fertigt sie eine spiegelverkehrte Pause als Bildvorlage an. Diese wird auf Acrylglas aufgebracht. Dann zieht sie die Konturen und Linien mit Lackstift schwarz vor. Zuletzt färbt sie in mehreren Schichten die Flächen ein, bis eine ruhige unstrukturierte Farbfläche entstanden ist. Der Hintergrund des Bildes bleibt frei. Den deckt Schmitt mit farbigem Karton, Stoff  oder ähnliches ab. Bei Umkehr des nun fertigen Bildes gibt der Hintergrund das Gemalte nach vorne und lässt das Bildthema besser hervortreten.

Die dargestellten Zeichnungen der Figuren und ihrer Umgebung sind streng formalisiert. Sie sind Kürzel, wo es auf Details wie Finger, Zehen und Nasen nicht ankommt. Diese Ikonographie entwickelte die Malerin aus ihrer Vergangenheit als Modedesignerin. Daher hat sie wohl auch ihren sicheren Farbgeschmack.

Jedenfalls erzählt Schmitt in diesen Hinterglasbildern vom Leben und der Existenz der Großstadtfrau mal witzig, ironisch, mal traurig oder auch genüsslich. Sie zeigt Geschichten, die fast jede(r) irgendwie kennt oder zu kennen glaubt. Ja so ist es, so ist sie, die Städterin. Wir hatten es selber nicht immer so registriert oder erinnert. Und sieht man auf dem Bild ›in Träume versunken‹ das Weib so da liegen, hat man frei nach Hegel ›die Frau an und für sich‹ vor sich.

Diese originellen und typischen Hinterglasbilder von Beate Schmitt könnten in ihrer treffenden Zeichenhaftigkeit beinahe eine Art Berliner Keith Haring sein!

 

BEI BEATE SCHMITT GEHT ES VIEL UM EROTIK
von Claudia Zölsch (KAPITALKUNST, Marketing für Bildende Künstler)

War die Kunst- und Undergroundwelt der 80er und 90er noch voll von unterschiedlichsten Inszenierungen des Körpers so verschwanden sie fast gänzlich mit dem Wechsel ins Millennium. Beates Schmitts Bilder erinnern mich daran. Bei Beate Schmitt geht es viel um Erotik. Erotik und Nacktheit waren auch einmal ein großer Bestandteil des künstlerischen Berliner Lebens und sind seit dem Ende der 90er irgendwie verschwunden. Wohin? Zu ein paar wenigen „Stars“ die Erotik nun für uns in der Kunst und den Medien zelebrieren? Stellvertretend? Streben wir denn alle nach einer eigenen Realisierung zu einer dieser Einheitsfiguren? Wollen wir alle Supermodel sein? Dünn, cool, in und mega super sexy? Hatte Andy Warhol recht? Geht es nur noch darum einmal für einen kurzen Augenblick Star zu sein und das um jeden Preis? Gruselig.

Umso mehr freue ich mich bei Beate Schmitt wieder richtige Frauen zu sehen. Einsame, hungrige, liebende und suchende Frauen. Und vor allem Frauen mit sichtbaren Spaß am Erleben ihrer Körperlichkeit: Frauen die sich lasziv räkeln, Frauen in lose gewickelten Mänteln - die mehr ein Versprechen als eine Verhüllung darstellen - und Frauen die sich von Männern verwöhnen lassen. Beate Schmitts Protagonistinnen sind gesichtslos im positivsten Sinne. Sie könnten jede sein. Das macht es so angenehm für den Betrachter. Wenn man offen dafür ist, kann man sich lustvoll in ihre Situationen hineinversetzen. Wenn ... Und was dann „wenn”?

 

BEATE SCHMITTS BILDER SIND LEBENSNAH
von Anke Walter (Journalistin)

Was mir an den Bildern besonders gut gefällt, ist die Lebendigkeit der gemalten Personen. Die Stellung der Glieder zu einander, z.B. Beine, die wie ein X gezeichnet sind, die fehlenden Füße und die knallbunten Farben machen die Frauen sehr frisch, sehr modern, sehr schlank - fast ein bisschen schnippisch. Die Situationen, in denen sie eingebettet sind, kennt jede Frau: mit einem Glas in einer Bar stehend oder wartend auf einer Parkbank - lebensnah.

Die Aktbilder drücken eine erotische Ästhetik aus, wie man sie in neueren Bildern selten findet. Die breite Farbpalette lässt sie sauber und rein wirken. Es sind Nackte, manchmal verschlungen, die nichts Anrüchiges haben, sondern Liebende, die man sich gern ansieht, ohne peinlich berührt zu werden.

Mein Lieblingsbild ist die Frau auf dem Potsdamer Platz: Es scheint, als liefe sie die ganze Zeit. Ihre anmutende Bewegung, die flotte Kleidung, ihr Flair - alles zwischen den Hochhäusern - macht den Betrachter zum Liebhaber der Frau, der Großstadt, zum Fan ihres Rhythmus.


MOMENTAUFNAHMEN VON SITUATIONEN
von Jacqueline Cronimund

Die Acrylbilder von Beate Schmitt sind voller Leben, sie widerspiegeln die pure Lust und eine ganze Portion Sex. Es kommt einem vor, als ob sich die Liebenden in ein Tuch gehüllt hätten und den Abdruck ihres Begehrens zurück gelassen haben. Die sanften Farben, mit denen Beate Schmitt hauptsächlich arbeitet, passen sich den weichen Linien der Liebenden an. Eng umschlungen oder alleine mit sich beschäftigt, wird der Betrachter an seine eigenen intimsten Momente erinnert. Dadurch, dass die Personen keine Gesichter im eigentlichen Sinne haben, kann man sich selber überall wieder finden.

In ihrer Glasmalerei erleben wir Beate Schmitt von einer anderen, strengeren, sehr gradlinigen Seite.
Auf diesen Bildern haben die Personen klare Gesichter. Besonders spannend finde ich persönlich ihre Momentaufnahmen von Situationen, die sich zu Geschichten formen. Mein Favorit ist das Bild einer Frau am Potsdamer Platz. Es sind Bilder die quer Beet durchs Leben führen, wie das bewegte Leben der Künstlerin. Die Bilder saugen jeden in die jeweiligen Stimmungen hinein.


GLASMALEREI GEHT NUN MAL NICHT "STREIFENFREI"
von Kyra Maralt (Kunsthistorikerin)

Beate Schmitts kleine Fenster mit Aussicht auf die „vita contemplativa” (Beschaulichkeit) Berlins
Es sind die kleinen Momente, die die Geburtsstunde des großen Augenblicks verheißen. Jedenfalls lassen die humoresken Attitüden in Acryl auf Glas von Beate Schmitt dies vermuten.

Rein zufällig, eben unvorhergesehen schleichen sie sich in den Zug der Zeit. Sie sind der Schlüssel des Alltags. Sie öffnen die Tür des Einerlei. Diese kleinen Momente des Glücks, der Lust, der Wut, der Ungeduld und Peinlichkeit sind frei flottierende Begegnungen der persönlichen Art. Sie machen hoffen, geben Mut, lassen verzweifeln, sorgen für ein kleines “chambre avec vue”: Die Aussicht auf das, was da kommen mag. Wie mag sich „das Gespräch” wohl entwickeln. Bis wann, so fragt man sich bei der „Verabredung”, soll die arme Kleine mit den hängenden Schultern noch unter der Uhr sitzen bleiben. Worauf wartet sie überhaupt – so ganz in grün und pink auf der Bank vor orangefarbenem Hintergrund. Und es lässt einen auch nicht los, wo denn die stolpernde Grazie mit ihrem Hündchen hin stöckelt – noch dazu ganz in „bleu” bei sonnigstem Wetter. Maybe Downtown nach Mitte, „where you can forget all our troubles, forget all your cares”, also dorthin wo es den spekulativ gedachten flotten Dreier aus „Nacht” vor Abschluss derselben noch hingetrieben hat.

Beate Schmitts klare, sparsame Glasmalerei szenischer Natur sucht nicht den gnadenlosen Pinselstrich zur Apokalypse großstädtischen Daseins, sondern formuliert einfühlsam den ganz speziellen „Kick”. Eben einen, den nur Städter zu interpretieren versteht. Hier in Berlin, wenn gleich selten zitiert, so doch irgendwie zu spüren. Natürlich kann in New York…, klar London, bestimmt auch in Paris etwas passieren, aber eigentlich passiert es in diesen Minuten gerade jetzt oder auch vorgestern in Berlin.

Zumindest so viel will die Künstlerin mit auf den Weg zu ihren Bildern geben. Diesen exklusiven Reiz von Erotik und Einsamkeit, von Begegnung und Vergessen, Nightlife und „Daily Terror” hat sie hier entdeckt. Die Szene, Club-Kultur ohne Studenten-Cafe-Mief, Mode, Mauer und Musik haben sie in den Achtzigern kreativ geprägt und eine leise Sehnsucht nach der Zeit vor der Zeit entwickeln lassen. Nennen wir es einen Faible, der sie tapfer zu den Sechzigern haltässt. Eine gewisse Romantik kann ein solcher Blick auf das Drehbuch des Lebens nicht verleugnen. Er birgt aber den Vorteil die mögliche Fülle an Attributen, den Schnörkel, das kunsthistorische Zitat zugunsten der malerischen Aktualität außer Acht lassen, um direkt auf das Wesentliche zu zusteuern: das Erleben.

Körpergefühl, Haltung, die Beate Schmitt in wenigen Strichen zu Ausdruck zu steigern versteht, äußert sich wie selbstverständlich in ihren sonst so reduzierten, fast schablonenhaften Figuren. Exakte Linien, die eher grafischen Ursprungs sind, erinnern an die vielen Entwürfe, die Beate Schmitt vor ihrem Sprung in die Malerei bereits für ihre Mode skizziert hat. Auch ihr Gespür für Gewebe schafft hier amüsant Ent-sprechendes: Wie zum Beispiel eine in zart pink hingeworfene Spitze (ein Hauch von einem Negligé), die – vorausgesetzt „graue Wolken ziehen vorbei” – Frau in Berlin nur bei einem solchen Himmel wählen kann.

Schlüpfrige Exkurse homoerotischer Provenienz taucht Beate Schmitt in ein, wie sie sagt, „ach so reines Gelb”, um sie nummeriert als Bett I bis unendlich ihrem „Spieltrieb” folgend fortzusetzen. Ein achtlos abgestelltes Handtäschchen, der lange Handschuh zum Fest, ein elegant-klapprigänkchen oder dies „ach so reine Gelb” des tuffigen Plumeau reichen schon aus, um uns den Kopf zu zerbrechen wie die Situation im Bild wohl enden wird. Ganz wie in einem „Non, je ne regrette rien” oder einem „Je hais les dimanches” der Juliette Greco kombiniert mit der grellen Komponente diverser Garagengirls und Bands fügt sich ein Kanon unbeschwert weiblicher Exzentrik, und das in Berlin… und nicht mehr ganz in den Sechzigern.